Zum Inhalt springen
Alle Folgen
Folge 06931. August 202610 Min.

15.000 Euro wegen 10 Gramm: Wenn Emotionen Dein Geschäft kosten

Ein halbes Brot, 10 Gramm zu wenig, am Ende 15.000 Euro für neue Waagen und Software. Wie aus einer Bagatell-Beschwerde ein wirtschaftlicher Totalschaden wird – und wie ein einziger Satz das für 2,40 Euro verhindert hätte.

KommunikationMindsetVerkaufspsychologie
Cover des Podcasts „psychologie, die verkauft" von Matthias Bullmahn

Kriegt Eure verdammten Emotionen unter Kontrolle. Erst atmen, dann antworten.

Shownotes

Darum geht's

Ein halbes Brot. 10 Gramm zu wenig. Am Ende: 15.000 Euro für neue Waagen, Software und Einarbeitung. Matthias zeigt an einem realen Fall aus dem Süden Deutschlands, wie aus einer Bagatell-Beschwerde ein wirtschaftlicher Totalschaden wird – und wie ein einziger Satz das für 2,40 Euro verhindert hätte. Plus: Warum die Regel „Erst atmen, dann antworten" gerade dann gilt, wenn Du im Recht bist.

Das nimmst Du mit

  • Der 2,40-Euro-Satz – Eine kleine, grozügige Geste bei einer Beschwerde ist fast immer billiger als stures Rechthaben.
  • Innen fühlen, außen professionell bleiben – Du darfst intern alles empfinden, aber die Kommunikation nach außen muss professionell bleiben.
  • Erst atmen, dann antworten – Vor jeder Reaktion auf eine Beschwerde: einmal ein- und ausatmen.
  • Wenn Du wirklich Mist gebaut hast, halt den Mund – Eine öffentliche Rechtfertigung verschlimmert eine Krise fast immer. Hol Dir professionelle Beratung, bevor Du selbst kommunizierst.

Kapitelübersicht

  • 00:00 – 15.000 Euro Verlust wegen 10 Gramm
  • 00:54 – Das halbe Brot: Wie aus 10 Gramm ein Fall fürs Eichamt wurde
  • 02:19 – Was das Eichamt vom Bäcker verlangt – und warum das teuer wird
  • 03:44 – Die Rechnung: 15.000 Euro für Waagen, Software, Einarbeitung
  • 04:13 – Der 2,40-Euro-Satz, der alles verhindert hätte
  • 05:10 – Die Regel: Innen darfst Du alles fühlen, nach außen bleibt es professionell
  • 06:08 – Emotionen unter Kontrolle: Mein eigener Härtetest an einem miesen Tag
  • 07:11 – Zweiter Fall: Wenn Du wirklich Mist gebaut hast – die Krisenkommunikations-Regel
  • 09:25 – Fazit: Erst atmen, dann antworten

Transkript der Folge

Automatisch transkribiert und redaktionell überarbeitet. Kann vom gesprochenen Wort abweichen.

15.000 Euro Verlust wegen 10 Gramm. Liebe Freunde, neue Folge von „psychologie, die verkauft" mit mir, Matthias Bullmahn. Und heute geht's mal wieder um das Thema Kommunikation. Ich kann es nicht oft genug sagen, aber ich habe einfach zwei aktuelle Beispiele, an denen ich Euch zeigen kann: So funktioniert das nicht. Das erste ist ein Bäcker aus dem Süden Deutschlands. Verkauft Brote, kennt Ihr ja.
Du gehst in den Bäcker rein und sagst: „Ich hätte ganz gerne die Hälfte von dem Brot da, von dem Bergsteigerbrot, mit schöner Kruste – schön knusprig." Und dann machst Du hinten das Knäppchen ab, schön leckere Weidebutter drauf und ein bisschen Flockensalz, lecker. Manche hier im Rheinland auch mit Zuckerrübensirup oder mit Nutella – ich würde hier auch gerne die Diskussion lostreten: Heißt es der, die oder das Nutella? Schreibt mir gerne. In dem Sinne hat also jemand gesagt: „Ich hätte gerne eine Hälfte des Brotes, das Ganze ist mir zu viel." Das ganze Brot kostet 4,80 Euro. Was kostet das halbe Brot? Richtig, 2,40 Euro. Wie wird das in der Regel gemacht? Es wird in der Mitte durchgeschnitten und geteilt. Die eine Hälfte bekommt der Bäcker zurück, die andere Hälfte der Kunde. Und damit ist der Kauf abgeschlossen. Sollte man meinen.
In Bayern trug sich in der letzten Augustwoche 2026 Folgendes zu: Die Person, die dieses halbe Brot gekauft hat, ist nach Hause gegangen und hat natürlich das gemacht, was ich empfehle – nicht! Was macht man als Alman? Natürlich holt man die Waage raus und wiegt nach. Zehn Gramm zu wenig – also nicht 500 Gramm, sondern 490 Gramm, wenn es ein Kilo Brot war. Damit hätte diese Geschichte auch zu Ende sein können, auch ich könnte das gewesen sein, einfach im Eifer des Gefechts – wäre bestimmt auch mal eine ganz lustige Sache. Aber der Kunde hat noch etwas ganz anderes gemacht: Er hat dem Bäcker geschrieben und gesagt: „Hey, lieber Bäcker, das sind zehn Gramm zu wenig." Und was macht der Bäcker? Jetzt hätte er die Möglichkeit, einen Kunden fürs Leben zu gewinnen. Und er hat geschrieben: „Mal gewinnt man, mal verliert man." Auch hier hätte die Geschichte einfach zu Ende sein können.
Ist sie aber nicht. Wir sind in Deutschland, und wir Almans sind ja speziell. Was hat also der Bäckerkäufer gemacht? Er ist zum Eichamt gegangen. Das Eichamt ist dafür da, dass zum Beispiel an der Theke die Waagen geeicht sind – das heißt, 10 Gramm sind 10 Gramm, 50 Gramm sind 50 Gramm, und natürlich auch an der Zapfsäule, dass ein Liter auch wirklich ein Liter ist. Grundsätzlich haben die also wirklich einen guten Grund, warum es das Eichamt gibt – da ist auch der Eichstrich zum Beispiel am Bierglas, damit ein halber Liter auch ein halber Liter ist. Das wird auch regelmäßig verprobt, mit Prüfern und verschiedenen Gefäßen und Gewichten et cetera.
Jetzt hat das Eichamt nachgefragt: „Sag mal, Bäcker, wie machst Du das eigentlich?" Und der Bäcker so: „Na ja, Hälfte durch, und dann Hälfte des Preises." Da haben die gesagt: „Das ist aber nicht so gut, wir haben da ein kleines Problem mit Dir. Du musst das wiegen und Deinen exakten Grammpreis berechnen." Und ganz ehrlich, macht ja auch Sinn, theoretisch. In der Praxis lief das in meinem Leben aber noch nie so – ein halbes Brot, und wenn es mal zehn Gramm weniger sind, sind es beim nächsten Mal zehn Gramm mehr. Mal gewinnt man, mal verliert man. Da hat das Eichamt gesagt: Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Du verkaufst keine halben Brote mehr, oder Du teilst die Brote schon vorher zur Hälfte, zeichnest sie aus und sagst: „Halbes Brot, 2,40 Euro", und packst sie in die Auslage. Das Problem an der Sache ist natürlich: Das geht theoretisch, aber dann wird's halt bröckelig, so trocken.
Ende vom Lied: 15.000 Euro für neue Waagen, Software und Einarbeitung – wegen zehn Gramm. Was ist hier eigentlich wirklich schiefgegangen? Ich lass Dir kurz Zeit zu lachen. Ja, Alman-Geschichten – das sind Geschichten, die nur wir schreiben können. Und am Ende des Tages: Hätte mich der Bäcker angerufen und gesagt: „Matthias, was soll ich sagen?", hätte ich gesagt: Gar nichts ist falsch. Aber dann hätte er sagen können: „Da ist heute was mit mir durchgegangen." Man kann schreiben: „Mal gewinnt man, mal verliert man. Und beim nächsten Mal, lieber Kunde, gewinnst Du – das nächste halbe Brot geht auf meine Kosten." Punkt. Der Kunde kommt beim nächsten Mal, kriegt 2,40 Euro geschenkt, Sache durch. Ist immer noch billiger als 15.000 Euro, die er wahrscheinlich in seinem ganzen Betrieb nie amortisiert bekommt – weil diese Waagen ja auch regelmäßig gewartet werden müssen, und dann kommt das Eichamt auch regelmäßig und überprüft. Na ja, er kriegt es halt nicht hin.
Und natürlich sind wir uns einig, dass die Person, die da so ein Theater gemacht hat, dass das schon hart ist. Ich hätte es jetzt nicht gemacht, kenne auch wenige Leute, die es gemacht haben – vielleicht hatte jemand schlechte Laune und dachte: „Sind zehn Gramm zu wenig, mal gucken, was passiert." Vielleicht hat er einen schlechten Tag erwischt, ich weiß es nicht, kann nur Vermutungen und Annahmen treffen. Und wir haben uns hier schon mal drauf verständigt, dass wir das nicht machen. Fakt ist aber eins: In dieser Kommunikation ist das ein Kunde, ob ich das jetzt will oder nicht. Und der hat eine Beschwerde vorgetragen. Das heißt, ich nehme sie auf, ich nehme sie ernst. Ich kann bei mir drin, in meinem Betrieb, in meiner Toilette, machen, was ich will. Aber hin zum Kunden muss ich eine professionelle Kommunikation abliefern. Das heißt, ich sage: „Lieber Kunde, vielen Dank, es tut mir natürlich super leid, beim nächsten Mal kriegst Du einfach ein halbes Brot geschenkt, komm einfach vorbei, hier ist der Gutschein." Oder: „Gib mir hier die zehn Gramm als Text an, und Du kriegst das beim nächsten Mal." Ich lade Dich auch noch zusätzlich auf einen Kaffee ein, dann macht man noch ein Foto zusammen – das ist eine lustige Story, ganz ehrlich, und damit ist es durch.
Ich fühle natürlich auch mit diesem Bäcker, der sich einfach nur denkt: „What the heck ist hier los? Junge, sei doch froh." Wir knapsen hier am Existenzminimum, teilweise, wissen nicht, wo heute und morgen ist, jetzt mit den Energiepreisen sowieso, und dann machst Du hier noch Radau. Und da sage ich doch wieder: Leute, kriegt Eure verdammten Emotionen unter Kontrolle. Atmet ein, atmet aus. Mir ging es heute genauso, als ich meinen ADAC-Wagen abgeholt habe. Ich hatte keine Toilette, bin immer ins Gebüsch gegangen. Und auf einmal kommt ein Typ, schreit da rum und sagt: „Na, was ist Ihnen eingefallen?" Ich sage: „Ich habe keine Toilette." „Doch, natürlich gibt es die beim ADAC." Ich sage: „Nein, die haben zu." – „Ja, für Sie haben sie extra eine." Ich sage: „Nein, da ist auch keiner mehr drin, ich konnte nicht mal fragen, aber ich musste dringend." Und er sagt mir: „Ja, so sehen Sie auch aus, dass Sie das immer machen."
Und ich hatte einen Tag heute, der war besonders – auch ein Wochenende, das war echt besonders, ganz offen gesprochen. Da habe ich tief durchgeatmet und mir gesagt: Lohnt sich das jetzt? Was willst Du machen? Gar nichts. Kriege Deine Emotionen unter Kontrolle.
Und ich muss noch einen zweiten Fall hier reinbringen. Ich dachte, ich mache das als Einziges heute – nein, zweiter Teil: JP. Ihr kennt ihn vielleicht nicht, oder jetzt kennt Ihr ihn – das ist der Typ mit diesen ganzen Autos, der die Berichte bringt. Ein Star in der Branche, Millionär, irgendwie 100 Millionen Euro pro Jahr Umsatz – keine Ahnung, ich bin im Autobereich nicht so drin. Auf jeden Fall: Er ist mit seiner Frau seit einigen Jahren verheiratet, und er hat ihr nicht nur eine Ohrfeige gegeben, sondern ihr auch mal richtig ins Gesicht geschlagen. Das ist schon mal nicht gut, das ist schon mal scheiße und indiskutabel. Nummer eins.
Nummer zwei: Er setzt sich dann hin, macht ein Video und gibt es zu, sagt: „Leute, das stimmt, da muss ich an mir arbeiten, das war doof, sie hat recht." Bis dahin hat er aus einer blöden Situation zumindest proaktiv etwas Gutes rausgeholt – hat gesagt: Steh dazu, Entschuldigung, Bumm. Und jetzt kommt er und sagt auch noch: „Na ja, aber so, wie sie mich geschlagen hat, das war noch viel schlimmer." Und ab da fängt die Katastrophe an – auch presserechtlich, weil, wie ich mir habe sagen lassen: Wenn man sich selbst hinsetzt und eine Aussage macht, dann hat man im presserechtlichen Sinn sogar, wie heißt das so schön, den Rahmen erweitert, in dem eine Berichterstattung stattfinden darf. Ganz großer Fehler.
Und dann kam eben ein geleaktes Video von vor Jahren raus, in dem er sie gewürgt und noch mal richtig verprügelt hat. Er hat sich noch mal davor gesetzt – das habe ich mir gar nicht angeguckt, weil da kann man nichts mehr richtig machen, das kann nur schiefgehen, und das geht auch gerade schief. Ganz Deutschland diskutiert über ihn, seine Fans wenden sich von ihm ab. Fehler kann jeder machen, Gewalt ist keine Lösung, ganz klar. Aber sich dann hinzustellen und zu meinen, man müsse sich selbst verteidigen, weil man ja 100 Millionen Euro im Jahr Umsatz hat – ganz ehrlich, Leute. Auch hier seht Ihr wieder: Gut gemeint ist nicht gut gemacht. In dem Augenblick haltet Ihr einfach den Mund. Wenn Ihr schon Mist gebaut habt – und das ist ja erwiesen –, dann haltet Ihr den Mund. Ihr ruft Leute wie mich an, ruft Leute wie Steinhöfel, Höcker oder andere Medienanwälte an – das ist keine Werbung hier – und lasst Euch beraten. Punkt.
Ende vom Lied: Er zieht sich jetzt zurück, geht für ein halbes Jahr zu seinem Vater. Keine Ahnung, was da passiert, aber das Ding ist komplett in die Binsen gegangen. Presserechtlich kann ich das nicht beurteilen. Aber wenn Ihr solche Sachen habt: Kriegt Eure verdammten Emotionen unter Kontrolle. Ich bin auch kurz vorm Ausrasten manchmal, Leute, aber lasst es einfach sein. Geht raus, schreit, geht ins Bett, schreit in die Bettwäsche, lasst es raus, trennt Euch, was auch immer. Zehn Minuten sind gleich um. Habt eine geile Woche, und denkt dran: Emotionen raus, bevor Ihr antwortet. Tschüss.