Brabus-Gate – von Brabus, Brats und Babos
Gastfolge mit Dr. Thorsten Klein: Wie ein Instagram-Kommentar zum Shitstorm eskaliert – und was Algorithmen, Affekt-Psychologie und PR-Krisenmanagement damit zu tun haben.
KommunikationMarketingVerhandlung
Die schärfste Waffe, die wir haben, ist: Wir reden miteinander.
Shownotes
Darum geht's
Ein Kommentar unter einem Instagram-Post reicht, und plötzlich eskaliert ein handfester Shitstorm zwischen der Tuning-Marke Brabus und der Rapper- und Influencer-Szene. Gemeinsam mit PR- und Kommunikationsberater Dr. Thorsten Klein (ehemaliger Regierungssprecher des Saarlandes) analysiert Matthias live den Fall: Warum eskalieren solche Konflikte auf Social Media so schnell – und wie hätte professionelles Krisenmanagement ausgesehen?
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Affektive Resonanz – Menschen posten aus dem Affekt heraus, ohne die Zeit zum Nachdenken, die frühere Medien (Leserbrief, Briefumschlag, Briefmarke) noch erzwungen haben.
- Algokratie – Algorithmen sind nicht neutral: Sie pushen negative, emotionale Inhalte nach oben, weil Streit mehr Reichweite bringt.
- Schweigespirale – nach Elisabeth Noelle-Neumann schreit die laute Minderheit, während die eigentliche Mehrheit schweigt und glaubt, in der Minderheit zu sein.
- Harvard-Verhandlungskonzept – professionelles Krisenmanagement beginnt damit, die gemeinsame Interessenlage herauszuarbeiten, statt auf Konfrontation zu eskalieren.
Kapitelübersicht
- 00:00 – Einführung in den Shitstorm
- 03:10 – Die Eskalation der Situation
- 06:08 – Die Rolle der sozialen Medien
- 08:58 – Interessen und Verhandlungsmanagement
- 12:00 – Algorithmen und ihre Auswirkungen
- 14:54 – Negative PR und ihre Strategien
- 16:18 – Die neue Währung der Emotionen
- 20:01 – Krisenmanagement und PR-Strategien
- 23:17 – Öffentliche Wahrnehmung und Empathie
- 26:31 – Die Rolle der sozialen Medien und der Neiddebatte
Transkript der Folge
Automatisch transkribiert und redaktionell überarbeitet. Kann vom gesprochenen Wort abweichen.
Matthias: Und Rapper-Szene. Oh, jetzt fängt es an. Danke schön, Riverside. Also, liebe Freunde, herzlich willkommen bei einer neuen Folge Psychologie, die verkauft. Heute hier am Sonntag, 12. Oktober, 19:12 Uhr. Es eskaliert in Deutschland gerade bis zum Geht-nicht-mehr. Wir haben einen veritablen Shitstorm in der Autotuning- und Rapper-Szene. Was ist passiert, erkläre ich euch gleich. Herzlich willkommen erst mal dem ehemaligen Regierungssprecher des Saarlandes und natürlich meinem Freund und exzellenten Kommunikationsberater Dr. Thorsten Klein. Hi, Thorsten, schön, dass du dabei bist.
Thorsten: Matthias, vielen lieben Dank für die spontane Einladung. Was soll man sonntags sonst machen, als sich mit Rappern auseinanderzusetzen und dann noch zu sehen, wie irgendwelche Frauen sich dann auch noch gegenseitig zoffen. Ich bin gespannt darauf, was wir in den nächsten – wie lange haben wir jetzt? 2, 3 Stunden, ne?
Matthias: Ja, ja. Ich weiß nicht, was du meinst.
Thorsten: Naja, Themen haben wir genug.
Matthias: Ich bin eher so der Gigi-D'Agostino-und-Techno-Fan, deswegen bitte seht es mir nach. Auf jeden Fall hat sie eben einen mit wunderbaren, farbigen Luftballons geschmückten GLS Brabus – beziehungsweise mit einem dicken B vorne, also für Brabus – gezeigt bei Instagram und sich bedankt, dass Luna Bear das natürlich von PA geschenkt bekommen hat. Und jetzt, jetzt passierte etwas, dass eben der halbe dritte Weltkrieg bei Brabus ausgebrochen ist.
Und zwar hat Milly – ich glaube, Uju Kamovic oder so heißt sie – das ist die Lebensgefährtin und Director of VIP Relations von Brabus und die Frau vom Besitzer von Brabus, darunter kommentiert. Und das kann man gut machen, und das kann man so machen, wie sie es gemacht hat. Und sie hat sinngemäß geschrieben: Na ja, schön, aber das ist halt ein Fake-Ding. Und irgendwo stand auch noch mal so nach dem Motto: Wenn ihr das Geld dafür nicht habt, lasst es sein. Weiß ich aber nicht, hab ich nicht verifiziert. Also, ich sag mal so, ich hab den Post irgendwann mal kurz gesehen und dachte mir: Wow, da wird jemandem vor die Tür gekackt. Das kann man machen, das kann man aber auch nicht machen. Und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Milly, Brabus und Luna Bear.
Denn dann ging es hin und her, nach dem Motto: Hast du zu viel zu tun mit Rap wie ich mit Brabus, oder andersrum – es war unfassbar. Und Luna Bear antwortete dann: Na ja, dass wir sehr viel zu tun haben, wird man sehen, wenn du deinen Briefkasten öffnest. Also, es ging direkt auf die persönliche Ebene, und es war ein veritabler – wie sagt man das heute, ich hoffe, ich werde jetzt nicht gecancelt – Catfight oder so. Also Fame Fighting, RTL 2, Brüder und Schwestern, freut euch drauf, die beiden im Ring. Ich hätte da eine Idee, aber dazu kommen wir gleich.
Fakt ist, dass jemand einen Brabus mit wahrscheinlich gefakten Teilen gekauft hat. Das passiert jetzt leider nicht selten, also das Thema Produktpiraterie. Und gerade wir Nutzer sehen das nicht auf den ersten Blick, und vielleicht auch nicht Luna Bear oder der Rapper PA – das sei ihnen auch gegönnt, weil wir sind keine Autoexperten. Die finden Autos geil und holen sich die für einen vernünftigen Preis. Er hat ihn wohl auch über einen vernünftigen Reseller geholt.
Mal gucken, wie es da rechtlich weitergeht. Jetzt ist aber die Frage: Was hätten wir hier von Anfang an anders machen können? Thorsten, stell dir vor, du bist der PR-Manager, extern oder intern, von Brabus, und Milly ruft dich an und sagt: Thorsten, guck mal, da postet jemand mit einem Brabus, richtig gefakte Teile, und zwar auch solche, die sicherheitsrelevant sind. Ich würde da gerne mal was drunterschreiben. Thorsten, it's your turn.
Thorsten: Naja, Matthias, es gibt ja Menschen, die erst wissen, was sie denken, wenn sie hören, was sie sagen. Und so kommt mir das in diesem Falle hier auch vor. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, erst einmal zu denken, bevor ich in die Tasten hacke. Und das Beispiel zeigt für meine Begriffe auch ganz gut, in welch bescheidener Lage wir uns in dieser Gesellschaft befinden. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieses Werkzeug Social Media dazu geführt hat, dass wir in der Gesellschaft ein Riesenproblem im Miteinander und Füreinander haben.
Also, das, was wir hier an dem konkreten Fall sehen – egal, wer sich dort jetzt wie gezofft hat –, ist ja ein bestes Beispiel dafür, dass die Anonymität des Internets, auch wenn man die Klarnamen sieht, dazu führt, dass man sich zu Handlungen hinreißen lässt, die man nicht tun würde, säße man sich gegenüber. Und das ist schon mal das Erste, was mir einfällt. Wie kann ich denn überhaupt auf die Idee kommen, mich bei einem sozialen Netzwerk derart auszulassen? Wenn ich ein soziales Netzwerk nutzen wollte, dann würde ich es zumindest nicht öffentlich machen, sondern eins zu eins probieren – also die gute Frau, die sich gerade gefreut hat, anschreiben und sagen: Achtung, da ist was. Das, was ich mit meinem geschulten Auge sehen kann – da scheint etwas nicht zu stimmen. Möglicherweise seid ihr da einem, weiß ich nicht, Betrüger aufgesessen, und lasst uns das doch gemeinsam klären. Aber direkt in die Konfrontation zu gehen bedeutet ja, dass mein Gegenüber auch nur genauso reagieren kann, nämlich mit Konfrontation – und dann wird es halt spaßig für die Leser.
Matthias: Absolut. Und Social Media hat das natürlich mitbekommen, wie du schon richtig gesagt hast, und ist dann erst mal komplett eskaliert, und der Algorithmus hat Gas gegeben. Das war wohl nicht so schön. Ich hab jetzt keine genauen Zahlen, ich guck jetzt gerade mal bei Luna Bear, wie viele da drunter kommentiert haben – ich kann es hier leider gar nicht so genau sehen. Aber es war ein veritabler Shitstorm: 63.951 Personen haben es geliked, und etliche haben drunter geschrieben. Also, das war schon extrem unschön.
Ich kann Milly da auch ein Stück weit nachfühlen, ich bin ja auch so ein emotionaler Typ. Ich hab aber irgendwann mal gelernt, auch noch mal durch die Ausbildung bei den Ex-Direktoren von Scotland Yard und FBI, dass man die Emotionen unter Kontrolle halten sollte, weil Geiselnahmen eben aus Emotionen heraus passieren können, schlimme Dinge passieren. Und bei dem Ding hätte ich mal eine Nacht drüber geschlafen. Wobei, ich behaupte jetzt mal, vielleicht hat Milly gesehen: Boah, guck mal, da sind schon wieder solche Pseudo-Rapper und die Freundin, und die macht hier und jetzt auch mit unseren Dingen, die auch gefaked sind – das geht ja gar nicht, da gebe ich jetzt mal Gas. Weil es davon vielleicht auch mehrere gibt. Und sie hatte halt einfach den Deckel drauf. Die kennen sich ja auch gar nicht persönlich, und dann hat sie halt einfach mal losgeschissen.
Was ich persönlich denen geraten hätte, wäre selbstverständlich Folgendes: Macht's über eine DM, ruft vorher einen Anwalt an, guckt euch noch mal genau an, ob das hochwahrscheinlich Fakes sind. Dann rufst du sie an oder schreibst eine E-Mail und sagst: Hey, pass auf, das Ding könnte gefährlich fürs Leben sein. Ich sehe gerade, das ist kein Brabus, das sind Dinge verbaut worden, die geil aussehen, aber nicht den Qualitätsstandard haben, den wir haben. Das heißt, ihr seid nicht nur einem Fake aufgesessen – das könnte sogar für eure Gesundheit, gerade mit euren Kindern, gefährlich sein. Allerdings, da ihr Brabus feiert, feiern wir euch natürlich auch: Kommt jetzt einfach mal vorbei, und dann geben wir euch für eine Woche einen richtigen Brabus. Und wir könnten uns auch angucken, ob wir den nicht einfach umbauen, da kriegen wir sicherlich irgendwas hin. Und genau das hätte man dann auch schön öffentlich hochbringen können. Luna Bear hätte bestimmt gesagt: Ey, pass auf, wir sind hier einem Betrüger aufgesessen, aber mit Brabus zusammen machen wir eine Love Story draus, und das Ding läuft. Da haben, glaube ich, beide sich nichts geschenkt.
Thorsten: Du kennst das ja, Matthias, aus dem Verhandlungsmanagement. Du bist ja, was das Harvard-Modell angeht, einer der Experten – wenn ich also etwas zum Verhandlungsmanagement wissen wollte, würde ich zuallererst bei dir anrufen. Und im Harvard-Konzept haben wir ja einen Teil drin, der für meine Begriffe hier wunderbar gepasst hätte, nämlich die Interessenlage herzustellen. Welche Interessenlage hat Brabus? Naja, es darf kein Auto mit dem Namen Brabus irgendwo erscheinen, wenn nicht auch Brabus drinsteckt. Und auf der anderen Seite muss doch derjenige, der das kauft, das Interesse haben, dass er ein Original gekauft hat und nicht irgendeine Fälschung. Also, beide Interessen sind ja eigentlich gleich – umso wahnsinniger ist es ja, dass es überhaupt erst zu einem solchen Streit und dann auch noch in aller Öffentlichkeit kommen kann. Das ist ja völliger Wahnsinn.
Matthias: Ja. Und die kannten sich vorher auch nicht. Es gab vorher schon mal Beef, wo man sagen könnte, da hätte jemand nur drauf gewartet – aber so war es wohl nicht. Da ist sie wohl irgendwie draufgekommen. Klar, die heutigen IT-Systeme – sobald irgendwo Hashtag Brabus auftaucht: Das ging bei Salesforce schon vor zehn Jahren, dass man dort eine Art Alert einrichten konnte, bei der bestimmte Ziffern-, Zeichen- oder Buchstabenfolgen erkannt werden, und dann kriege ich sofort eine Mail, oder bestimmte Menschen werden informiert. Das können die heutigen KI-Systeme natürlich noch besser als damals. Also, von daher sind die wahrscheinlich draufgekommen.
Ganz einfach, was wir jetzt machen würden: Jetzt wird erst mal der Mund gehalten, es wird nicht mehr kommuniziert, es wird kein Öl mehr ins Feuer gegossen. Ich glaube, das ist aber auch schon passiert – eine Anwältin ist eingeschaltet worden. Anwälte einschalten ist dann immer unschön, weil dann hast du den Beef eben noch mal auf einer anderen Stufe. Jetzt ist das natürlich schon ins Wasser gefallen, klar. Trotzdem würde ich persönlich Kontakt mit ihnen aufnehmen, oder auch eine öffentliche Stellungnahme machen, und sagen: Ganz ehrlich, Freunde, wir erklären euch das mal – aber erstens entschuldigen wir uns für diesen Ton, wie es rübergekommen ist. Ihr wisst, wie wir sind: authentisch wie unsere Autos, und Emotionen spielen bei uns auch eine große Rolle. Die sind jetzt hier einfach mal rausgekommen. Wir erklären euch mal, was das Problem ist: Wenn mit diesen Autos etwas passiert, sieht es so aus, als wäre Brabus nicht sicher. Unsere Autos kosten nicht umsonst so viel Geld und dauern so lange in der Herstellung, weil sie sicher sind. Natürlich feiern wir Leute, die unsere Autos kaufen und Bock auf Brabus haben.
Wir haben uns alle nicht mit Ruhm bekleckert. PA, bei der nächsten Firmenfeier kannst du mal schön bei uns auftauchen. Und ihr kriegt für einen Monat einen dicken, fetten Brabus von uns als Mietwagen, für lau, inklusive Benzin. Und euren jetzigen Wagen gucken wir uns an, vielleicht kriegen wir den irgendwie demodifiziert – keine Ahnung, muss man dann mal gucken, weil der im schlimmsten Fall für euch lebensgefährlich sein kann.
Thorsten: Ich habe ja, Matthias, meine Doktorarbeit geschrieben zur Algokratie – eine Wortneuschöpfung aus Algorithmen und Demokratie. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, inwiefern Algorithmen auf die Demokratie wirken und damit auch auf die Gesellschaft. Und das hier ist das perfekte Beispiel. Der Algorithmus merkt: Da geht was, da ist Feuer drin, es ist negativ – es ist ausschließlich negativ, also rankt er die Nachrichten immer, immer höher. Also, um noch mal auf das Thema Interessenabgleich zurückzukommen: Das Interesse, das wir in der Gesellschaft haben – nämlich eine Lösung zu finden und mehr miteinander und füreinander hinzukriegen –, ist ja nicht das Interesse, das der Algorithmus hat. Der Algorithmus will ja Feuer, Feuer, Feuer, der will den Streit, und deswegen rankt er die negativen Kommentare umso höher.
Und das ist für meine Begriffe eines der größten Probleme, die wir in Deutschland lösen müssen, nämlich, dass die Algorithmen, die ja nicht in Deutschland hergestellt oder programmiert worden sind, sondern in einem anderen Land – und das ist jetzt egal, ob das Russland, China oder Amerika ist –, ein ganz anderes Interesse daran haben, wie unsere Gesellschaft hier funktioniert. Und deshalb bin ich mittlerweile auch sehr dafür – jetzt reden wir zwar hier über Erwachsene, und ich komme damit ein bisschen vom Thema ab –, dass wir Social Media bis 16 verbieten. Unsere Kinder und Jugendlichen sollen erst mal lernen, miteinander umzugehen, dann passiert ein solcher Fall wie hier nämlich nicht.
Matthias: Ja, absolut, ganz genau. Und das ist auch wieder ein Zeichen für uns auf der politischen Ebene. Da sollten wir aktiv werden, weil, egal von welcher Seite das kommt, wir sind steuerbar über soziale Medien. Wir haben es in verschiedenen Wahlen gesehen, wir sehen es aktuell, wir sehen es in verschiedenen Ländern, wo das Internet abgeschaltet wird. Ich glaube, in Afghanistan wurde es abgeschaltet, damit Frauen eben auch nicht mehr ins Internet können und sich nicht mehr mit anderen Leuten vernetzen können. Hochgefährlich, und deswegen finde ich das extrem spannend – da müsste man mal eine eigene Podcast-Folge draus machen.
Das hat hier eben auch, klar, richtig was gebracht, und ich glaube, dass eben auch eine ganze Menge Leute PA und Luna Bear dafür Props gegeben haben – das habe ich eben auch so gesehen. Das heißt, auch deren Reichweite ist gestiegen. Heißt, wenn wir ehrlich sind: Am Ende des Tages haben die sich ja auch nicht hundertprozentig mit Ruhm bekleckert. Gegebenenfalls fahren sie sogar ein gefaktes Auto – was ja, ich weiß nicht, ich kenne mich da rechtlich gar nicht aus. Da müsste man auch mal den TÜV fragen, ob das vom TÜV abgenommen ist, da kommen auch schon einige Dinge auf sie zu. Und ich sag mal so den Spruch: Ja, wirst du sehen, wenn du einen Briefkasten öffnest – ich bin mir nicht sicher. Also klar, von Bushido und der ganzen Szene ist man da schon einiges gewohnt, solche großen öffentlichen Auseinandersetzungen.
Wichtig ist aber auch, wenn man sich das mal notiert: dass man den Ball flach hält und auf jeden Fall per DM oder per Telefon miteinander spricht und sagt: Gut, wir haben jetzt alle eine ganze Menge Aufmerksamkeit bekommen. Es hat uns beiden was gebracht, nämlich: Die Leute, die zu beiden halten, halten noch mehr zu denen. Also, als Brabus-Kunde würde ich sagen: Ja, aber danke, dass ihr noch mal klarmacht, dass sowas nicht geht. Aber, ne?
Thorsten: Früher, Matthias – das passt gerade ganz gut – hatten wir diesen Spruch: Negative PR ist auch PR. Man könnte ja fast schon auf die Idee kommen, dass dieser Streit, der hier öffentlich ausgetragen worden ist, vielleicht auch so geplant war. Das weiß man ja nicht – aber die Reichweite, die es gebracht hat, funktioniert. Ich habe eben die gesellschaftliche Perspektive genannt, aber es gibt auch noch eine medienwissenschaftliche Perspektive, die ich auch ganz gut passend finde.
Genau deshalb, weil du gerade auch gesagt hast, dass Emotionen dabei im Spiel sind: Ich habe in meiner Dissertation eine Theorie entwickelt, die heißt die Theorie der affektiven Resonanz. Und da gibt es zwei Dinge drin, die man wissen muss. Erstens: Jeder Mensch will eine Resonanz, das ist soziologisch begründet. Du hast mich heute Morgen gefragt: Magst du zu diesem Thema was sagen? Wenn du mich was fragst, dann gebe ich dir natürlich eine Antwort. Also, es gibt diese Resonanz, und die steckt in allen Menschen drin. Deshalb funktionieren ja auch soziale Netzwerke so gut, weil jeder, der dort aktiv ist, eine Resonanz haben will.
Matthias: Das ist die neue Währung für viele. Wenn es davon zu wenig gibt, kriegen die sogar Depressionen.
Thorsten: Und jetzt wird es noch spannender, weil jetzt kommt ja noch der Begriff „affektiv" hinzu. Affekt, also affektiv, aus dem Affekt heraus, bedeutet ja: aus der Emotion heraus. Und das bedeutet, ich denke nicht nach, sondern ich hacke da rein und drücke auf Senden. Das wäre vor 20 Jahren nicht passiert. Wenn ich einen Leserbrief hätte schreiben wollen, damit mein Name mit dem, was ich zu sagen habe, irgendwo in einem Medium steht, dann hätte ich ein Blatt Papier gebraucht, ich hätte einen Kugelschreiber gebraucht, ich hätte Zeit gehabt, meine Gedanken auf ein Blatt Papier zu schreiben. Wenn ich dann beim dritten Mal Nachdenken immer noch der Meinung bin, dass dieser Schwachsinn, den ich gerade aufgeschrieben habe, mit meinem Namen in der Zeitung stehen sollte, dann hätte ich immer noch den Briefumschlag suchen können, dann hätte ich die Briefmarke suchen können und mir auf dem Weg zum Briefkasten noch mal überlegen können: Will ich wirklich, dass dieser Schwachsinn mit meinem Namen in der Zeitung steht? Und das haben wir heute nicht mehr. Heute reicht ein Klick, und schwupps, dann steht dieser Schwachsinn mit meinem Namen in der Welt.
Matthias: Genau. Und wichtig ist natürlich: Gary Noesner hat in seinem Buch „Stalling for Time" gesagt, dass wir immer ein bisschen Zeit ins Land gehen lassen sollten, damit die Emotionen runtergehen. Das macht er auch in Krisen- und Geiselverhandlungen so. Und das haben wir eben nicht mehr, wir sind in der höchsten Emotion und schreiben was. Und ich sag dir eins: Als ADHSler will ich ja Dinge auch abarbeiten, das heißt, wenn ich irgendwas habe, will ich das wegkriegen. Und mittlerweile schaffe ich es auch sehr oft, dann zu sagen: Das lasse ich jetzt noch mal 10 Minuten liegen, oder bis heute Abend. Und wenn ich dann immer noch denke, dass ich diesen von mir aus gesetzten scharfen Ton und diese Wortwahl wählen will, ist das vollkommen in Ordnung – dann hat es aber auch einen bestimmten Hintergrund, bestimmte Gründe dafür, das ist dann in Ordnung.
Aber das Ding ist das beste Beispiel dafür, aus der Emotion heraus zu handeln. Und das sind ja nicht irgendwelche Leute: Die eine ist die Director of VIP Relations von Brabus, also bei einem krassen Autoveredler, der schon in der zweiten und dritten Generation existiert und Millionenumsätze macht – das ist jetzt nicht irgendein Laden. Auf der anderen Seite natürlich Rapper PA, der lebt da auch sehr wohlhabend, das heißt, da ist wohl auch eine ganze Menge Geld dahinter. Also, da steckt was hinter, und das ist halt hochgefährlich, einfach mal was rauszuschicken und dann mal zu gucken. Und dann erwarten vielleicht auch andere was. Ich kenn das noch vom Schulhof früher: Matthias, jetzt musst du aber was sagen, jetzt musst du mal ein paar knallen, so geht man nicht mit dir um, ich würd mir das nicht gefallen lassen. Und dann mischen sich auch noch andere von außen ein, die hetzen und stacheln noch weiter auf, und dann freuen sie sich, weil sie wieder ihr Feedback und ihre Resonanz kriegen, und sind alle glücklich. Aber in der Mitte brennt alles. Wir haben ja genügend Krisenherde auf der Welt, wo wir das sehen können. Ukraine, Gaza – das betrifft ja nicht nur Israel und Palästina oder Russland und die Ukraine, sondern da hängen ganz viele Menschen mit dran. Das ist auch im professionellen Verhandeln extrem wichtig. Und deswegen wollte ich dich auch heute dabeihaben, Thorsten, weil, wenn es um PR geht, kann ich zwar ein paar Sachen sagen, aber wenn ich irgendein PR-Desaster hätte, oder bevor es dazu kommt, dann weiß ich, dass ich dich anrufen würde, und das kann ich jedem auch nur empfehlen.
Matthias: Und ganz offen: Lieber Rapper PA, liebe Luna Bear, liebe Milly von Brabus – ich würde mit dem Anwalt sprechen, aber am besten mit einem, der sich mit Litigation-PR auskennt, also PR, die parallel zu Gerichtsverfahren läuft, und der das jetzt noch mal gut einfangen kann. Ganz ehrlich, Brabus geht doch hin und sagt auf ihrer Website: Sorry Leute, wir sind hier wegen bestimmter Dinge einfach mal ausgerastet, das war nicht richtig, das ist aber jedem schon mal passiert. Entschuldigung, Luna Bear – hier, einen Monat mit Sprit, kriegt ihr einen schönen Brabus, und wir gucken uns euren zusammen mit dem TÜV an. Wenn die Teile funktionieren, lasst sie drin, wenn nicht, gucken wir, wie wir das hinkriegen. Und bei denjenigen, die das gemacht haben, gucken wir, dass wir rechtlich gemeinsam mit euch vorgehen, weil das geht nicht – eure Kinder haben, genau wie ihr, ein Recht auf Schutz im Auto. Und dann bringst du das Ding auseinander, und Fame Fighting kannst du immer noch machen. Liebe geht raus an RTL 2.
Thorsten: Als ich in der Vorbereitung gelesen habe, Matthias, dass Anwälte eingeschaltet sind, da dachte ich mir: Warum? Also, was sollen die denn jetzt machen, was ist das Ziel? Und ein Anwalt muss ja etwas Negatives schreiben, damit er weiterhin Geld verdienen kann.
Matthias: Geld verdienen! Mit Schriftstücken Geld verdienen, wir wissen es doch beide!
Thorsten: Meine Erfahrung ist, dass im Krisenmanagement die Schlagkraft und der Erfolg dann am größten sind, wenn der juristische Beistand und der kommunikative Beistand Hand in Hand arbeiten und gemeinsam überlegen, wie wir das Unternehmen oder den Rapper am besten aus dieser Nummer rausbekommen. Das nur rechtlich zu bewerten, ist für meine Begriffe heutzutage viel zu kurz gesprungen. Denn, wie du eben richtig gesagt hast: Klicks sind die neue Währung für viele – für einen Rapper glaube ich auch, jeder Klick auf den Stream bringt ein paar Cent. Und demzufolge müsste ich ja jetzt ein Interesse daran haben, dass das Ding in der Öffentlichkeit sauber läuft und nicht rechtlich vor Gerichten, sondern dass es in der Öffentlichkeit sauber gelöst wird. Deswegen ist das für mich völlig unverständlich. Vielleicht haben beide auch, wie soll ich sagen, keinen blassen Schimmer davon, dass es noch etwas anderes gibt als Anwälte, die so etwas regeln können. Es braucht in einer solchen Situation ganz dringend Menschen, die ein klares Ziel formulieren können, die dafür sorgen, dass wir die Interessen zusammenbringen, und die dann mit der schärfsten Waffe, die wir haben, etwas hinkriegen. Und die schärfste Waffe, die wir haben, ist: Wir reden miteinander.
So, vor diesem Hintergrund bin ich sehr gespannt, was hier in diesem Fall weiter passieren wird. Aber er zeigt uns halt wunderbar, wie unsere Gesellschaft mittlerweile tickt, was in unserer Gesellschaft so los ist. Und das ist ein klassischer Fall von: Braucht die Welt nicht.
Matthias: Nee, und ich hab jetzt auch vorhin ein bisschen in diesem Instagram-Feed geguckt. Also, bei dem Post, unter dem das gepostet wurde, da kommen dann irgendwelche Leute angerannt: Ja, das war's für mich mit der Firma. Und ich guck mir die Anzahl der Follower an, google ein bisschen und denk mir: Liebe Dame, ich bin mir nicht sicher, ob du dir das Geld für einen Brabus leisten kannst. Das sieht man natürlich nicht anhand des Instagram-Profils, aber... Nein, glaub ich nicht, auch nicht anhand dessen, was ich bei Google gefunden hab. Das sieht nicht danach aus, dass du überhaupt Brabus fahren kannst.
Aber dann kommen sie alle wieder zusammen, sobald irgendjemand Hashtag Brabus postet, und hauen alle drauf. Leute, die sich diesen Wagen nie leisten könnten und sich eigentlich gar keine Meinung dazu erlauben sollten, kommen jetzt und kacken drauf rum, und das ist halt das Schlimme. Und der Algorithmus so: geil, ADHS, Dopamin, gib ihm.
Thorsten: Naja, überhaupt erst mal auf die Idee zu kommen, jemandem aufgrund des Äußeren vorzuhalten, er könne sich so ein Auto nicht leisten, das zeugt ja schon von einer nicht vorhandenen Empathie. Und gerade das brauchen wir in einem Krisenmanagement immer: ein Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen versetzen zu können, einfach mal zu verstehen, was bei dem gerade passiert. Also, wenn ich mich in die Lage des Rappers versetze, und der wird plötzlich vor die Tatsache gestellt, Fälschung, dann könnte ich mir ungefähr vorstellen, was in ihm vorgeht, wie es ihm geht und wie er sich fühlt. Und in einer solchen Situation gieße ich ja nicht noch mehr Öl ins Feuer, sondern dann müsste ich normalerweise souverän über der Sache stehen und so souverän sein zu sagen: Hier, ich helfe dir jetzt, das Ding zu lösen.
Matthias: Genau. Also: absolute Hilfe anbieten. Ich glaube aber, dass jeder in seiner eigenen Bubble ist und dort auch angestachelt wurde. Deswegen glaube ich: Die Protagonisten sind Erwachsene, verantwortlich für das, was sie tun. Aber wir dürfen halt das Umfeld nicht ganz vergessen, und vielleicht war es halt auch der Post schlechthin, und dann hat man das halt auch ganz ehrlich mitgenommen. Wobei, ich guck jetzt gerade, da gibt es weitaus bessere: Der hatte jetzt 63.900 Likes, 1.289... Da gibt es aber auch einen mit 428.000, ne? Also, die hat auch schon weitaus bessere Posts gehabt. Also, für den einen oder anderen ist das Ding jetzt viral gegangen, für sie war es einer von vielen, und zwar, würde ich mal sagen, eher im Mittelfeld.
Aber es hat schon eingeschlagen, weil ich hab dann auch verschiedene Posts gesehen von Menschen in meinem Alter, mittleren Lebensalter, die dann gesagt haben: Ja, ich kenn Brabus schon lange, und früher war das dies und das, und jetzt sind die abgehoben. Allein schon, wie Milly auftritt, mit ihrem ganzen Mimimi. Und dann kommen alle aus ihren Ecken mit ihrem Sermon. Und ich halte das für extrem gefährlich. Also, gerade nach Corona und auch bei dem, was ich die letzten Jahre mitbekommen habe, gerade beim gesellschaftlichen Zusammenhalt – da müssen wir wirklich mehr für tun. Plus, das Thema KI müssen wir auch noch in den Griff kriegen, um dafür zu sorgen, dass es nicht noch mehr Gerüchte gibt. Gerade durch die sozialen Medien haben wir eine Verbreitung und einen Beschleuniger – das ist unfassbar. Da müssen wir aufpassen.
Thorsten: Ich kann an der Stelle vielleicht noch ein Werkzeug aus der Medienwissenschaft mitbringen, nämlich die Schweigespirale, die eine gewisse Elisabeth Noelle-Neumann in den 70er-Jahren entwickelt hat. Und du hast es eben schon richtig gesagt: Diese sozialen Netzwerke befeuern das. Also, alles, was wir vorher schon in der analogen Welt hatten, das gilt auch heute noch – nur in einer ganz anderen Dimension.
Die Schweigespirale ist für meine Begriffe so ein wunderbares Instrument, bei dem man das erkennen kann. Nämlich, die Schweigespirale sagt: Die Minderheit schreit und glaubt, sie sei in der Mehrheit. Und die Mehrheit schweigt, weil sie glaubt, sie sei in der Minderheit. Das ist das, was wir in Netzwerken erleben. Ich bin überzeugt davon, dass die Mehrheit der Deutschen – auch wenn da jetzt 50.000 Klicks waren – mit diesem Thema überhaupt nichts am Hut hat und es für sie völlig irrelevant ist. Und wir brauchen das auch nicht in diesem Land. Wir sollten uns auf das Wesentliche konzentrieren, und das sind nicht irgendwelche Nebenkriegsschauplätze, ob sich jemand ein Auto leisten kann und ob jemand so ausschaut, als könne er sich ein Auto leisten. Allein das rechtfertigt den—
Matthias: Null! Null, gar nicht. Ja, gut, das war jetzt nicht von Milly, das war von jemand anderem, der das auch drunter geschrieben hat. Da hab ich mir mal eine Dame angeguckt, die sich wirklich so präsentiert hat, so nach dem Motto: Ich bin hier eine von den Reichen aus Dubai – und dann hab ich mal die Follower gegoogelt. Aber das sah anhand der Fakten nicht danach aus. Jetzt nicht vom Aussehen her, sondern anhand der Zahlen, dass sie überhaupt mal Zeit hätte, sich einen Brabus auf der Straße anzusehen. Ich könnte mir übrigens auch keinen leisten, davon mal abgesehen. Und ich weiß, für alle, die jetzt zuhören: Ja, ich bin ja so ein Mindset-Idiot, das muss man als Ziel haben, ich weiß. Keine Sorge, ich habe andere Ziele.
Thorsten: Aber Matthias, wenn sich doch jemand ein solches Auto leisten kann, dann gönnen wir ihm das doch. Das hat ja normalerweise dann vorher zur Konsequenz gehabt, dass jemand in seinem Leben vieles richtig gemacht hat, um die Kohle überhaupt erst mal reinzuholen, damit er sie für ein Luxusgut ausgeben kann. Und das kommt uns allen ja wieder zugute, wenn wir in diesem Land Menschen haben, die verstehen, wie man Geld verdient – denn das Geld muss erst reinkommen, bevor man es ausgeben kann. Das wissen wir aus dem eigenen Haushalt, auch wenn man das in Berlin, also in der Bundesregierung, nicht immer so zu wissen scheint. Und deswegen: Warum gönnen wir jemandem das nicht?
Matthias: Ja, absolut. Ich auf jeden Fall. Jeder, der sich das leisten kann. Ich meine, das ist ein Luxusgut – wenn du dir sowas kaufst, dann hast du vorher schon einiges richtig gemacht. Und ich finde es auch ganz wichtig, dass wir in Deutschland gönnen können. Ich finde diese Neiddebatte wirklich schlimm, denn wenn jemand viel Geld hat, dann bedeutet das auch, dass er viel Steuern zahlt. Das bedeutet, dass er auch viel für diesen Staat gibt. Und ich finde, das sollten wir in diesem Land goutieren, statt sie noch stärker zu besteuern und noch stärker draufzuhauen. Aber jetzt sind wir abgeglitten. 29 Minuten 58 Sekunden, lieber Thorsten, ich danke dir ganz herzlich. Freunde der Sonne, wenn ihr da draußen einen PR-Berater braucht: Thorsten Klein – auch wenn es um Massenentlassungen geht, macht er das alles mit euch durch. Und für den Rest: Psychologie, die verkauft. Ihr wisst, wo ihr mich findet. In dem Sinne, habt eine geile Woche. Tschüss, ciao und auf Wiederschauen.
Thorsten: Ciao, Matthias.