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Folge 04426. Januar 20268 Min.

Grünes Desaster – So einfach vermeidest Du Reputationsverlust

Laut „Brandmauer" rufen und dann im selben Boot mit denen abstimmen, die man verteufelt: Genau da beginnt der Reputationscrash. Der Kommunikations-Fahrplan aus der Falle.

KommunikationPositionierungMindset
Cover des Podcasts „psychologie, die verkauft" von Matthias Bullmahn

Menschen bestrafen Heuchelei härter als einen sachlichen Fehler. Sag einfach: Wir haben's verkackt – dann verstehen das auch alle.

Shownotes

Darum geht's

Anhand der Grünen-Abstimmung zum Mercosur-Abkommen im Europaparlament zeigt Matthias ein zeitloses Kommunikationsprinzip: Wer laut eine klare Linie verkündet und sich dann selbst widerspricht, wird von der Öffentlichkeit für die Heuchelei härter bestraft als für den eigentlichen Fehler. Der Fahrplan, wie man aus so einer Falle wieder rauskommt.

Das nimmst du mit

  • Framing vor der Entscheidung setzen – wer absehbar in eine unangenehme Abstimmung oder Situation gerät, sollte vorher klar kommunizieren, warum, statt hinterher zu rechtfertigen.
  • Erklären, dass andere ähnlich abstimmen werden – das nimmt der Situation die Brisanz, ohne die eigene Position aufzugeben oder fremde Meinungen zu teilen.
  • Heuchelei wiegt schwerer als der Fehler selbst – Menschen verzeihen Fehler eher als das Gefühl, belogen worden zu sein.
  • Bei einer Krise: erst reden, dann schweigen – kurz einräumen, was falsch gelaufen ist und warum, dann das Thema nicht ewig am Kochen halten.
  • Klar sagen: Wir haben's verkackt – ehrliches Eingestehen wirkt glaubwürdiger als jeder Rechtfertigungsversuch und wird von den meisten Menschen akzeptiert.

Kapitelübersicht

  • 00:00 – Das Mercosur-Abkommen und die Abstimmung im Europaparlament
  • 02:23 – Kritikpunkte am Abkommen und die Grünen in der Zwickmühle
  • 04:47 – Das richtige Framing im Vorfeld
  • 06:49 – Krisenkommunikation: Fehler zugeben statt schönreden

Transkript der Folge

Automatisch transkribiert und redaktionell überarbeitet. Kann vom gesprochenen Wort abweichen.

Wie du das Desaster der Grünen vermeidest, beziehungsweise wie du dir so ein Desaster nachher schönreden kannst und in der Öffentlichkeit nicht so schlecht dastehst wie die Grünen gerade aktuell. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge „Psychologie, die verkauft" mit mir, Matthias Bullmahn. Und heute wenden wir uns dem Aufreger schlechthin zu: der Abstimmung der Grünen- und der Linken-Fraktion im Europaparlament gemeinsam mit den Rechten, unter anderem natürlich auch mit der Alternative für Deutschland.
Kurz zum Kontext: Es ging um das Mercosur-Abkommen. Wir stehen kurz davor, die weltweit größte Freihandelszone zu bilden, mit über 700 Millionen Menschen. Günstiges Rindfleisch könnte zu uns kommen, und wir könnten unsere Autos besser verschiffen, weil darauf derzeit sehr hohe Zölle liegen. Ich bin kein Experte, was dieses Abkommen und die aktuelle Situation angeht, ich kann nur sagen: Nach 25 Jahren, wenn so etwas durchdekliniert und verhandelt wurde, kann man es irgendwann auch mal durchwinken. Allerdings gibt es da ein paar Partikularinteressen, die ich gleich kurz erläutere.
Was ist dann passiert? Normalerweise wird so ein Abkommen ratifiziert. Es gab aber einen Antrag im Europaparlament, dieses Abkommen doch bitte noch einmal kurz vom Europäischen Gerichtshof checken zu lassen. Ich weiß nicht, wie oft wir so etwas noch prüfen sollen nach 25 Jahren – entweder ich sage ja, oder ich sage nein. Wie dem auch sei, es kam zu dieser Abstimmung, und einige Menschen haben dafür gestimmt, dass das Abkommen nicht sofort ratifiziert wird, sondern erst noch mal zur Überprüfung an den Europäischen Gerichtshof geht. Das waren größtenteils die rechten Parteien, bis auf eine Person, aber eben auch die Grünen und die Linken. Und um die Grünen geht es heute.
Denn wenn wir uns erinnern, was gerade Franziska Brantner und andere, Felix Banaszak zum Beispiel, immer wieder gesagt haben: Ganz vorne steht immer, dass man nicht mit den Faschisten, den Nazis, den Rechtsradikalen, den Rechten zusammen in eine Abstimmung geht. Das ist die Brandmauer, und die fordern sie ja auch von der CDU. Sobald die CDU irgendwo in Bedrängnis kommt und zum Beispiel in Deutschland mit der AfD mitstimmt, ist gleich der dritte Weltkrieg los. Aktuell liest man davon vergleichsweise wenig, aber intern brodelt es extrem – ich kenne selbst Direktkandidaten für Landtagswahlen, die darüber, sagen wir mal, nicht ganz so glücklich sind. Denn entweder lebe ich, was ich sage, und sage ich, was ich lebe, oder ich lasse es eben sein.
Wie hätten sie das vorher vermeiden können? Ich habe mir das Abkommen etwas angeschaut, und es gibt durchaus die eine oder andere Kritik daran. Faktisch würden wir damit günstiges Rindfleisch bekommen, was für argentinisches Rindfleisch zum Beispiel auch spricht, gleichzeitig würde das aber unsere eigene Wirtschaft, eben die eigenen Bauern, die ohnehin schon relativ hohe Kosten haben, noch mal unter Druck setzen. Das waren unter anderem die Argumente. Ein weiteres war, dass dort viel mit Pestiziden gearbeitet wird, die bei uns nicht mehr zugelassen sind, und dass es nicht schön ist, wenn solche Produkte dann trotzdem auf unseren Tisch kommen. Wie das im Detail geregelt wird, weiß ich nicht, ich bin da wie gesagt kein Experte in der Tiefe.
Was die Beteiligten außerdem eint: Sie mögen Ursula von der Leyen alle nicht besonders, und deshalb wollten sie sicherlich auch ihr noch eins mitgeben – das ist jetzt eine Vermutung von mir, aber es dürfte auch darum gegangen sein, weil sie dieses Abkommen ja mit als „ihr" Abkommen deklariert hat. Am Ende des Tages haben die Grünen aus ihrer eigenen Sicht trotzdem mit genau den Menschen zusammen abgestimmt, die sie sonst komplett verteufeln, und bei denen sie von anderen demokratisch legitimierten Parteien ganz klar einfordern: „Ihr werdet nicht mit diesen Menschen zusammen abstimmen." Und genau hier haben sie jetzt das Problem – jetzt sitzen sie in der Arschkartenfalle.
Wie hätte man das verhindern können? Mit einem passenden Framing im Vorfeld. Nämlich indem man vorher schon einrahmt und sagt: „Ja, wir finden dieses Abkommen grundsätzlich gut, trotzdem haben wir folgende Punkte, die wir noch mal überprüfen lassen müssen." Ich persönlich – und ich lese jeden Morgen mehrere Zeitungen – habe das so nicht wahrgenommen, was auch an mir liegen kann oder an der fehlenden Kommunikation der Grünen. Wenn das von Anfang an gut kommuniziert worden wäre, wüsste jeder: Die stimmen jetzt nicht einfach für das Mercosur-Abkommen, sondern wollen es aufgrund bestimmter Punkte noch mal prüfen lassen. Und im Zweifel geht man sogar so weit zu sagen: „Wir wissen, dass auch die rechten Parteien in der Europäischen Union genauso abstimmen werden wie wir, dass noch mal eine Überprüfung kommt. Aber das heißt nicht, dass wir mit denen gemeinsame Sache machen – das ist einfach unsere eigene Meinung, weil unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger uns genau dafür gewählt haben." Das ist vielleicht nicht ganz elegant, aber im Ergebnis hätte es die ganze Situation deutlich abgemildert.
Was kannst du also machen, wenn du in so einen Schlamassel gerätst wie die Grünen gerade? Das Letzte, was du tun solltest, ist: gar nichts sagen. Stille ist oft keine Lösung – auch in Kommunikationsberatungen sage ich meinen Klienten manchmal, dass es gut ist, mal nichts zu sagen, aber hier haben wir eine große Landtagswahl vor uns, Sachsen-Anhalt, Brandenburg kommt auch bald, wo die AfD schon über 40 Prozent oder knapp davor liegt, und genau das wollen viele, vor allem auch die Grünen, verhindern. Dann muss ich in die aktive Kommunikationsrolle gehen und zuerst zugeben, welche Fehler gemacht wurden: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ganz offen gesprochen, wir haben einen Fehler gemacht. Folgendes ist passiert, folgendes wäre passiert, wenn wir das nicht hätten prüfen lassen. Und ihr habt uns gewählt, um euch zu vertreten – deshalb war es unsere Aufgabe, hier genauer hinzuschauen. Ja, wir wissen, dass auch andere so abgestimmt haben. Und ja, es gibt eine Brandmauer. Unabhängig davon mussten wir das aber nicht nur wegen unserer eigenen Statuten tun, sondern auch wegen dessen, was wir im Wahlkampf versprochen haben. Sonst hätten wir gegen euch gestimmt, und das wollt ihr sicher auch nicht." Punkt.
Besser macht es das trotzdem nicht unbedingt, weil es genug Menschen geben wird, die sagen: „Die brandmauern nur, wenn's ihnen passt." Über die Brandmauer selbst kann man leidenschaftlich diskutieren, das mache ich an dieser Stelle aber bewusst nicht, weil es mir hier um die Kommunikation geht. Wenn ihr also wisst, im Firmenkontext, bei Verhandlungen, im Verein, in der Politik oder in der Gesellschaft, dass Leute mit euch stimmen werden, auf die ihr eigentlich keine Lust habt, dann macht das vorher klar und sagt, warum ihr für oder gegen etwas stimmt, und führt schon ein, dass ihr wisst, dass auch andere so abstimmen werden. Das heißt nicht, dass ihr deren Meinung generell teilt. Und wenn es passiert ist und ihr vorher nicht kommuniziert habt, dann entschuldigt euch verdammt noch mal für die fehlende Kommunikation. Davon sehe ich gerade relativ wenig – eher habe ich in Erinnerung, dass jemand von den Grünen ziemlich schnell versucht hat, das Ganze schönzureden. Und da dachte ich mir nur: Freunde der Sonne, bei euch brennt's gerade, lasst doch den Mist. Seid ehrlich und sagt: Wir haben's verkackt, ganz ehrlich, wir haben's verkackt. Dann ist das auch in Ordnung, und das verstehen dann auch alle. Und beim nächsten Mal macht ihr die Kommunikation einfach richtig.
Ruft mich an, ihr wisst, wie ihr mich erreicht, im Impressum, bei LinkedIn, überall stehen meine Kontaktdaten. Ruft mich an. In diesem Sinne wünsche ich euch eine geile Woche, habt extrem viel Spaß. Und wenn es mal runtergeht, Freunde der Sonne: Weitermachen. Die guten Sachen weitermachen, die schlechten Sachen weitermachen, morgens aufstehen, weitermachen. In diesem Sinne wünsche ich euch eine geile Woche. Tschüss, ciao und auf Wiederschauen.