Jens Spahns geplanter Eklat: Was Du über perfektes Timing wissen musst
Ein Rücktritt mit Homestory, ausgerechnet am Mittwoch vor dem WM-Finale und den Sommerferien: Matthias analysiert den Fall Jens Spahn und zeigt das Timing-Prinzip, mit dem unangenehme Nachrichten im Schatten größerer Schlagzeilen verschwinden – und was du selbst daraus für kluges Timing lernen kannst.
KommunikationPositionierungMindset
Achte nicht nur darauf, was jemand sagt, sondern auch darauf, was er nicht sagt – und zu welchem Zeitpunkt er es sagt.
Shownotes
Darum geht's
Jens Spahn tritt als Unions-Fraktionsvorsitzender zurück, nachdem eine Leihmutterschaft mit seinem Ehemann publik wird – ausgerechnet mit einer Homestory am Mittwoch vor dem WM-Finale und den Sommerferien. Matthias legt seine These offen: Das Timing war kein Zufall, sondern Kalkül. Anhand des Falls Spahn und eines Rückblicks auf Christian Wulffs Trennung kurz vor Weihnachten zeigt er das Timing-Prinzip – wie unangenehme Nachrichten im Schatten größerer Schlagzeilen untergehen, und wie du dieses Prinzip auch für deine eigenen schwierigen Botschaften nutzen kannst.
Das nimmst du mit
- Timing schlägt Inhalt – dieselbe Nachricht wirkt vollkommen anders, je nachdem, wann sie veröffentlicht wird.
- Nutze größere Schlagzeilen als Schatten – platziere unangenehme Botschaften kurz vor Ereignissen, die ohnehin die Aufmerksamkeit übernehmen (Feiertage, Großevents).
- Achte auf das Nicht-Gesagte – was jemand verschweigt und wann er schweigt, verrät oft mehr als die Aussage selbst.
- Sauberer Abgang vor Eklat – wo möglich, ist ein ruhiges Ende einem inszenierten Eklat vorzuziehen; wenn ein Eklat aber sein muss, dann zur richtigen Zeit.
- Reputationsmanagement ist strategisch – wer Skandale wiederholt übersteht, handelt selten zufällig.
Kapitelübersicht
- 00:00 – Der Fall Spahn: Rücktritt mit Homestory
- 01:23 – „Das war geplant" – meine These
- 03:10 – Das Timing-Prinzip: Wulff, Weihnachten, WM-Finale
- 06:52 – Deine Anwendung: Der Abgang zur richtigen Zeit
- 07:21 – Bonus: Was im Schatten der Schlagzeilen passiert
Transkript der Folge
Automatisch transkribiert und redaktionell überarbeitet. Kann vom gesprochenen Wort abweichen.
Was du aus dem Abgang von Jens Spahn lernen musst. Liebe Freunde, eine neue Folge von „psychologie, die verkauft" mit mir, Matthias Bullmahn. Schön, dass du wieder zuhörst, hinhörst und aufmerksam bist. In unter zehn Minuten erkläre ich dir jetzt den geplanten Eklat von Jens Spahn und was du daraus für dich mitnehmen kannst – nämlich, zu welchem Zeitpunkt ein Eklat oder Abgang wirklich richtig platziert ist.
Also noch mal kurz zum Wrap-up: Jens Spahn hat gemeinsam mit seinem Lebenspartner eine Leihmutter beauftragt, ein Kind für sie auszutragen. Und dann hat er an einem Mittwoch mit der Bild eine riesige Homestory dazu gemacht. Das Ganze kam ihm dann zum Verhängnis, weil die CDU – deren Fraktionsvorsitzender er im Bundestag war – klar sagt: Leihmutterschaft gibt es bei uns nicht. Er selbst hatte sich auch öffentlich dagegen ausgesprochen, dass so etwas erlaubt sein sollte.
Und dann macht er in den USA genau das, wogegen er sich als Politiker ausgesprochen hat: Er nimmt etwas Geld in die Hand, so 100.000 bis 150.000 Euro, geht in die USA, und die Leihmutter bekommt das Kind. Problematisch wurde es vor allem, weil Jens Spahn ohnehin nicht unumstritten ist, und weil er und unser Bundeskanzler Friedrich Merz sich nicht besonders gut verstehen. Am Ende führte das dazu, dass er zurücktreten musste.
Und jetzt kommt meine These – das sind ausdrücklich meine eigenen Annahmen, gespeist auch aus dem Berliner Politikbetrieb, aus Gesprächen mit Leuten, die ich über verschiedene Netzwerke kenne und mit denen ich über Jens Spahn, Friedrich Merz und die aktuelle Lage gesprochen habe: Für mich ist klar, das Ganze war geplant. Schauen wir uns die Gesamtsituation an: Die aktuelle Regierung Merz gehört zu den unbeliebtesten, die wir je hatten. Jeder dachte, die letzte Kanzlerschaft der SPD sei schon die unbeliebteste gewesen – aber Friedrich Merz hat es nach offiziellen Umfragen geschafft, noch unbeliebter zu sein. Er und Spahn verstehen sich ohnehin nicht besonders gut, das ist in der Union kein Geheimnis.
Und dann hat sich Jens Spahn wahrscheinlich gedacht: Wie kann ich es trotzdem irgendwann noch mal zum Kanzler schaffen? Eigentlich kaum, außer er zieht einen cleveren Schachzug. Er wollte sich ohnehin ein Kind wünschen, und dann hat er sich gedacht: Jetzt brechen wir mal mit dem System. Denn einfach hinzugehen und zu sagen: Ach, Friedrich, ich hab keine Lust mehr auf den Job, ich trete zurück – das geht nicht, das würde in der Fraktion und der gesamten CDU auch nachträglich nicht gut ankommen.
Also dachte er sich: Kanzler werde ich hier ohnehin nicht, und das Ganze geht sowieso in die Binsen – zumal uns das Thema AfD noch mächtig zu schaffen machen wird. Mit dem Thema soll sich Friedrich Merz und andere ruhig herumschlagen, ich bin da erstmal raus. Denn ich würde gerne irgendwann, vielleicht in ein paar Jahren, in einer neuen, quasi aus den Ruinen wiederauferstandenen CDU wieder eine Rolle spielen – so wie es Friedrich Merz selbst ja auch mal geschafft hat. Und genau das plant er wahrscheinlich auch für sich. Denn mit Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen, der die nächste Landtagswahl 2027 hochwahrscheinlich gewinnen und weiter Ministerpräsident bleiben wird, steht schon der nächste Kanzlerkandidat in den Startlöchern. Und das wird für Spahn dann nicht entspannter werden. Das heißt: Er musste raus. Nur – wann?
Und genau das ist jetzt extrem wichtig. Erinnerst du dich noch an Christian Wulff, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen und späteren Kurzzeit-Bundespräsidenten? Als er sich damals von seiner Frau Bettina getrennt hat, mit der er dieses On-off-Ding hatte – erinnerst du dich, wann das war? Kurz vor Weihnachten. Die Geschichte ging kurz hoch, und dann war Weihnachten, Weihnachtsferien – alles erledigt, keiner hat's mehr groß verfolgt.
Und wann kam die Sache bei Spahn raus? Am Mittwoch vor dem WM-Finale, vor den Sommerferien. Es war ein riesiger Eklat – aber wie lange hat er sich gehalten? Nicht lange. Mach so etwas in einer wirklich ruhigen Nachrichtenzeit, wo es sonst nichts zu berichten gibt, und du wärst gefühlt drei Monate lang Thema Nummer eins gewesen. Genau das hat er damit verhindert. Die Sache ist durch. Thorsten Frei soll jetzt sein Nachfolger als Fraktionsvorsitzender werden, und gerade läuft die Diskussion, wer ins Kanzleramt als Kanzleramtsminister nachrückt. Die CSU will dabei auf keinen Fall Alexander Dobrindt verlieren, weil der ein richtig guter Innenminister ist und das auch bleiben soll. Die Personalie Jens Spahn dagegen: durch, erledigt.
Wie geschickt er das gemacht hat: Er hat einen richtig krassen Eklat produziert. Leihmutterschaft wollen wir nicht, lehnen wir ab, aus hochemotionalen Gründen und unter anderem wegen des christlichen Menschenbilds der CDU. Er selbst ist zudem homosexuell, was mit dem christlichen Menschenbild in der einen oder anderen CDU-Familie nicht ganz zusammenpasst – wobei es völlig egal sein sollte, wer wen liebt, solange es rechtlich in Ordnung ist. Und dann holt er sich trotzdem eine Leihmutter, obwohl das in ganz Europa aus guten Gründen verboten ist – auf die ich hier gar nicht weiter eingehen will, ich habe mich mit dem Thema selbst nie näher auseinandergesetzt. Ich habe drei Kinder, bei mir hat es auf natürlichem Weg geklappt, und ich bin sehr dankbar für meine drei gesunden Jungs. Aber ganz ehrlich: Das wusste er. Jens Spahn ist nicht dumm.
Schau dir mal an, wie viele Skandale er in den letzten Jahren schon hatte – und er hat alle überlebt und ist als Fraktionsvorsitzender zurückgekommen. Unfassbar, geradezu unkaputtbar. Glaubt hier wirklich jemand, dass Jens Spahn nicht wusste, was so eine Entscheidung auslösen würde? Ganz ehrlich: Natürlich wusste er das. Aktuell ist für ihn in der CDU führungstechnisch einfach nichts mehr drin. Und ich behaupte: Er will hochwahrscheinlich mehr, nämlich irgendwann selbst Bundeskanzler werden. Er schaut sich den Mitbewerb an, und viel gibt es davon in der CDU – und, liebe Grüße an die SPD, bei euch auch nicht – eigentlich nicht. Das ist ja auch ein Problem, warum manche Leute euch nicht wählen. Deshalb sucht man wieder Leute, die einem Land vorstehen können.
Und deshalb hat er sich wahrscheinlich gedacht: Ich nehme mich jetzt erstmal raus. Er ist ja ohnehin kein Freund der Brandmauer gegenüber der AfD. Wenn dieses Thema irgendwann durch ist, oder er sich mit der AfD stärker arrangiert hat, dann kommt der Papa zurück, und dann macht er Karriere. Er ist ungefähr in meinem Alter, glaube ich 46 oder 47 – also noch nicht alt, da ist noch einiges möglich. Die nächsten Monate werden politisch ohnehin hart, es stehen Wahlen an. Ganz offen gesprochen: Er hat, um später noch mal richtig Gas geben zu können, eigentlich alles richtig gemacht.
In diesem Sinne: Nimm das für dich mit, wenn du irgendwo raus willst. Ich persönlich bin immer ein Freund davon, Dinge sauber zu beenden. Das wird nicht immer möglich sein – manchmal hilft eben so ein Eklat. Dann aber bitte auch zur richtigen Zeit, liebe Freunde. Also dann, wenn du weißt, dass kurz danach etwas passiert, worüber dann viel diskutiert wird und der Fokus von dir weggelenkt wird. Das ist extrem wichtig.
Das erlebe ich bei ganz vielen Dingen. Schaut mal in die Politik: Wann werden welche Sachen gesagt? Erinnert ihr euch noch an die Wegzugsteuer? Die gab es im Grunde schon immer, war aber irgendwie außer Kraft gesetzt. Und dann kam sie plötzlich wieder – und zwar genau zu der Zeit, als über einen Lockdown diskutiert wurde. Alle haben sich über den Lockdown aufgeregt, Armin Laschet hatte vorher gesagt, es werde keinen Lockdown zu Weihnachten geben – das war 2022 oder 2023, glaube ich. Und dann kam der Lockdown doch, und alle haben sich aufgeregt. Und ganz nebenbei wurde die Wegzugsteuer wieder aktiviert. Die Leute dachten sich: Oh Mist, jetzt müssen wir zahlen, wenn wir eine Kapitalgesellschaft in Deutschland haben oder Immobilien besitzen und einfach wegziehen. Hat das kaum jemand mitbekommen? Ich habe es damals mitbekommen.
Also: Wenn jemand etwas sagt, achte auch darauf, was er nicht sagt – und zu welchem Zeitpunkt etwas gesagt wird. Schau genau hin, hör genau hin, und nimm das einfach mal für dich mit. In diesem Sinne: Habt einen schönen Tag. Acht Minuten zwanzig, ich bin mal wieder genau im Plan. Und ich habe meinen Hintergrund für euch ein bisschen neu gemacht – gebt mir gerne Feedback, wie ihr ihn findet. In diesem Sinne: Habt einen schönen Tag. Tschüss, ciao und auf Wiedersehen.